Straßenfotografie im Kollektiv

Straßenfotografie im Kollektiv

Das Wort Kollektiv hat seinen Ursprung aus dem lateinischen "colligere", für zusammenlesen, sammeln, versammeln. Im besten Fall trifft diese Bedeutung auch auf heutige Fotografiekollektive zu, eine Ansammlung verschiedener Charaktere, Sichtweisen und Stilrichtungen.

Die Kunst besteht darin, aus diesen verschiedenen Persönlichkeiten eine harmonische und miteinander harmonisierende Gruppe zu bilden, die gemeinsam ein Ziel verfolgt aber gleichzeitig die persönliche, fotografische Entwicklung des Einzelnen nicht hemmt, sondern fördert.

 

Man hat gesehen, dass so etwas ziemlich öffentlichkeitswirksam schief gehen kann, aber auch dass es Kollektive gibt, die sich hervorragend in der fotografischen Szene positionieren und durch qualitativ hochwertige Arbeit, sowohl in der Gruppe als auch einzeln auf sich aufmerksam machen.

Das Streben nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe gab es schon zur Zeit unserer stärker behaarten Vorfahren. Zu deren Zeit begründete sich der Drang nach Zugehörigkeit im reinen Überlebenswillen, in Zeiten wo die Gefahr hinter jedem urzeitlichen Gestrüpp warten konnte, war das (meist subjektive) Gefühl der Stärke durchaus erstrebenswerter als auf sich alleine gestellt zu überleben.

Im späteren geschichtlichen Verlauf, besonders deutlich im Mittelalter, bildeten sich die verschiedenen Gruppen und Stände noch deutlicher heraus. Das arbeitende Volk und der Adel, damit einhergehend auch das Aufkommen von Neid und das Bestreben den Status der eigenen Gruppe zu verbessern oder in eine "höherwertige" Gruppe aufzusteigen.

 

Beginnend mit dem Industriezeitalter, bis in die heutige Zeit stehen uns beruflich und sozial alle Gruppen offen, der Mensch als Individuum hat die Möglichkeit, je nach seinen eigenen Fähigkeiten und Leistungen, eine Gruppe frei zu wählen.

Hierbei spielt die sogenannte soziale Identität eine große Rolle, die sich grob unter drei Punkten zusammenfassen lässt:

 

1. Jeder Mensch strebt nach einer positiven Einschätzung seiner Person oder einer Verbesserung dieser Einschätzung

 

2. Ein wichtiger Teil dieser Einschätzung ist die soziale Identität, die sich aus der Mitgliedschaft in sozialen Gruppen und der Bewertung dieser Mitgliedschaft begründet

 

3. Die Bewertung der Gruppenmitgliedschaft ergibt sich aus dem Vergleich mit anderen relevanten Gruppen

 

Also kann man sagen, wir suchen nach Gruppen, die unseren Vorlieben (hier die Fotografie) entsprechen, gründen diese selbst oder versuchen Mitglied zu werden. Andere relevante Gruppen sind hier selbstverständlich andere Kollektive, zu denen man immer wieder schaut. Als Vergleichsmittel können hier die fotografische Qualität der Bilder (meist subjektiv), die Ergebnisse der Mitglieder bei Awards, Veröffentlichungen, Ausstellungen usw. wobei man sich natürlich in seiner Selbsteinschätzung besser fühlt, wenn das eigene Kollektiv erfolgreicher ist. Natürlich ist es nicht nur auf der sozialen Ebene, sondern auch auf der emotionalen Ebene eine Stärkung der Selbsteinschätzung, wenn man durch die Zugehörigkeit zu der Gruppe Wertschätzung von Außenstehenden erhält oder auch durch die anderen Mitglieder der Gruppe, wobei ersteres meist höherwertig empfunden wird.

 

Soviel zu unseren "unbewussten" Antrieben, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe anzustreben.

Natürlich gibt es auch bewusste "Kopfentscheidungen", die in uns den Drang wecken, zu einer Gruppe zugehörig sein zu wollen.

 

Ich stand vor dieser Entscheidung als mich die Jungs von Berlin1020 vor gut einem Jahr ansprachen. Das erste Mal habe ich Roland, Chris und Martin auf der Vernissage von Martins Ausstellung in Kreuzberg getroffen... Eine Ausstellung die ohne viel SchnickSchnack aufgebaut war, die Bilder ungerahmt an der Wand, die Location absolut passend dazu, Bier aus der Flasche. Kein großes Getue, die volle Konzentration auf die Fotografie, was mir sofort sympathisch war.

Berlin1020 war zu diesem Zeitpunkt schon ein Name, der in der Berliner Straßenfotografie-Szene einen gewissen Klang hatte und ich habe diese Entscheidung nie bereut.

 

 

Was sind nun speziell die Vor- und Nachteile eines Kollektives bzw an der Zugehörigkeit?

 

Motivation ist eine seltsame Sache, mal ist sie da, mal lässt sie sich tagelang nicht blicken... Gerade bei schlechtem Wetter ist die Couch einfach verlockender, als alleine mit der Kamera durch die Straßen zu ziehen und nach mehreren Stunden nass und verkühlt wieder nach Hause zu kommen und eventuell kein einziges wirklich brauchbares Bild mitzubringen. Man könnte jetzt noch tiefer auf innere und äußere Motivation eingehen, was aber im Kollektiv deutlich zutage tritt ist die äußere Motivation. Es fällt einem immer leichter, die Kamera in die Hand zu nehmen und loszuziehen, wenn man es mit einem Treffen mit Gleichgesinnten verbinden kann. Bei Berlin1020 ist es nicht nur das Fotografieren was verbindet, auch auf der emotionalen Ebene "passt es einfach". Natürlich ist man nicht so fokussiert und konzentriert auf die eigenen Bilder wie wenn man alleine unterwegs ist, aber wenn man andererseits sonst gar nicht losgegangen wäre?

Meist ist es dann nicht nur das Fotografieren an sich, auch der entspannte Kaffee zwischendurch oder das gemeinsame Abendessen nach einem Walk gehören dazu und lassen das Kollektiv nicht als rein funktionale Gruppe erscheinen, sondern geben ihr eine wichtige soziale Funktion und was gibt es für einen Straßenfotografen angenehmeres, als einen produktiven, entspannten Tag mit guten Freunden zu verbringen.

 

Inspiration verhält sich manchmal sehr ähnlich der Motivation und nimmt sich oft über längere Zeit Urlaub.

Ist ein Kollektiv mit Fotografen gebildet, die alle einen ähnlichen Stil bevorzugen und dieselben Bildkompositionen suchen, kann man auch keinen allzu großen Wert an Inspiration erwarten. Berlin1020 besteht aus Straßenfotografen, die in ihren Arbeiten sehr unterschiedlich sind und was sich, meiner Meinung nach, sehr positiv auswirkt.

 

Chris zeigt mit seiner offensiven, aber dennoch sympathischen Art, dass man keine Angst haben muss, fremde Menschen aus fast schon erschreckender Nähe zu fotografieren. Man sieht, wie er mit seiner Ausstrahlung noch vor dem Bild jeden Ansatz einer ungemütlichen Konfrontation im Keim erstickt... 

Oliver Krumes, Martin U. Waltz and Chris Candid (es fehlen leider Roland Groebe und Sebastian Jacobitz)

Martin, der mit seiner Erfahrung auch mal unangenehme Dinge anspricht und dies auf eine konstruktive und förderliche Weise tut, zeichnet sich durch seine überlegten Bildkompositionen aus. Bei ihm scheint kein Bild Zufall zu sein, alles ist genau überlegt, die Anordnung der Elemente, die Perspektive...

 

Oliver hat eine Arbeitsweise, die ich persönlich sehr faszinierend finde. Sehr überlegt, jedes Bild absolut durchdacht und kein wildes Geknipse... Die Kontraste zwischen Licht und Schatten seiner Farbbilder, die Szene im genau richtigen Moment festhalten. Dabei hat man jedes mal das Gefühl, er hat zwar seine Kamera dabei, schießt aber kein einziges Bild in seiner unauffälligen Art und ist hinterher jedes Mal von den Ergebnissen positiv überrascht.

 

Roland ist ebenfalls einer der unauffälligeren Fotografen, wenn er an seinem favorisierten Spot, dem Holocaust-Mahnmal unterwegs ist. Einen Ort an dem man immer den geschichtlichen Hintergrund im Kopf hat, den Roland aber jedes Mal großartig umsetzt und die menschliche Komponente perfekt mit der grauen, massiven Umgebung zu kombinieren versteht.

 

 

Sebastian beeindruckt durch seinen starken dokumentarischen Charakter seiner aktuellen Bilder, mit einer unglaublichen Intensität und Emotionen. Die Nähe zu den Menschen, auch in extremen Situation wie in seiner aktuellen Serie über die Arbeiter in den Schwefelminen sind geben den Bilder eine starke Aussagekraft.

Durch diese verschiedenen Arbeitsweisen und Stile, auch durch die Offenheit der anderen Fotografen selbst etwas Neues zu versuchen, ist ein Kollektiv eine Inspiration für das eigene Arbeit. Man sieht mit welchen Techniken andere Mitglieder arbeiten, man bekommt einen anderen Blick auf eine Szene, die man selbst schon unzählige Male gesehen und als uninteressant abgetan hat. Dies soll nicht als Aufforderung zum Kopieren der Arbeit anderer verstanden werden, Man bekommt ein anderes Gespür für Szenen, man kann mögliche Techniken mit dem eigenen Arbeiten kombinieren, auf seine persönliche Weise abändern und so wieder etwas völlig Neues kreieren.

 

Im Endeffekt kann man sagen, Kollektive sind für uns Fotografen eine inspirierende, motivierende Gruppe, die durchaus ihre Daseinsberechtigung hat. Grundlegend ist die Harmonie, ein Arbeiten miteinander ohne Neid auf die Erfolge anderer, denn jeder Erfolg eines Einzelnen fällt immer auch auf das Kollektiv zurück. Die soziale Integration, das Zugehörigkeitsgefühl, die Anerkennung für die eigenen Arbeiten sind etwas wonach jeder Mensch und im letzten Punkt besonders jeder Fotograf strebt, gegenseitige Wertschätzung sind ebenfalls ein wichtiger Bestandteil jedes Kollektives.

 

Ich habe diesen Schritt persönlich nie bereut, die Zugehörigkeit zu Berlin1020 hat mich fotografisch weitergebracht, hat mir sehr geholfen mich in Berlin "einzuleben" und wohl zu fühlen und mir die Möglichkeit gegeben, fünf fotografisch und charakterlich großartige Menschen kennenzulernen.