Psychologie der Bildkomposition

Die Komposition eines Bildes ist eines der grundlegendsten Elemente um ein "für den Betrachter harmonisches" Bild zu schaffen.

 

Jeder von uns hat schon einmal von den verschiedenen Regeln der Bildkomposition gehört, Leitlinien, 2/3-Regel, goldener Schnitt usw...

Damit wären schon mal die technischen Seiten der Bildkomposition bekannt. Aber aus welchem Grund erscheinen Bilder, die diesen Regeln von ihrem Aufbau her folgen, für unser Auge so angenehm und harmonisch?

 

Die Antwort dazu, ist eine unbewusste Arbeitsweise des Gehirns, die sich "Chunking" nennt und Personen, die sich mit Psychologie beschäftigen, bekannt sein dürfte.

 

 

Das menschliche Gehirn ist in der Lage, 7-9 Informationen zur selben Zeit zu verarbeiten. In einem Bild, gerade in einer Straßenszene, hat das Gehirn eine weitaus höhere Anzahl an Information, die es zu verarbeiten hat. Menschen im Bild, Autos, Gebäude, Gegenstände (Tische, Stühle, Schilder...), Farben, Formen usw. bilden eine Masse aus Informationen, die das Gehirn in diesem Moment schlichtweg überfordern würden.

Da unser Gehirn im Laufe der Evolution jedoch so einige brauchbare Verhaltensweisen erlernt hat, geschieht nun, was man als "Chunking" bezeichnet.

 

Um dieses Chunking anhand eines einfachen Beispiels zu verdeutlichen, sollte man sich vorstellen, sämtliche Kleidung in eurem Schlafzimmer in eine große Kiste zu werfen, Hosen, Shirts, Socken, Pullover, einfach alles was im Kleiderschrank herumliegt.

Wenn ich nun sage, zeigt mir mal die blauen Socken, steht man erstmal vor dieser Kiste mit dem Riesenchaos an Klamotten und muss sich erst zurechtfinden.

Einfacher wird es, wenn man je eine Kiste mit Shirts, eine mit Socken, eine mit Hosen usw... befüllt. Fragt man nun nach dem weißen Shirt, weiß man sofort wo man schauen muss...

Diese verschiedenen Kisten sind sogenannte "Chunks".

 

Das Gehirn macht unbewusst dasselbe mit den Informationen, die es in einem Foto zu verarbeiten hat. Es unterteilt sämtliche, weiter oben angesprochenen Informationen die es bekommt in verschiedene "Chunks" bzw Gruppen von Elementen um das Bild für den Betrachter einfacher und verständlicher zu machen.

 

 

Diese Chunks sind einmal der Hintergrund, der Mittelbereich und der Vordergrund. Weitere Chunks ergeben sich aus Elementen, die das Gehirn auf Grund ihrer Ähnlichkeit zueinander in eine Gruppe zusammenfasst, z.B. Personen, sich wiederholende Gegenstände (Repeating of elements), gleichfarbige Elemente...

Je weniger Chunks es letztendlich gibt, umso einfacher wird es für das Gehirn das Bild zu verarbeiten und es zu verstehen. Durch dieses einfache Verstehen eines Bildes und seines Inhaltes, erscheint es dem Betrachter als eine harmonische und gute Komposition.

 

Die fotografischen Regeln der Komposition unterstützen diese Arbeitsweise des Gehirns auf verschiedene Arten.

 

 

Leitlinien beispielsweise verdeutlichen dem Gehirn eine Verbindung zwischen zwei Elementen und zeigen eine Zusammengehörigkeit. Durch diese Verbindung ist es für das Gehirn einfacher, diese so verbundenen Elemente als zusammengehörig zu erkennen und in eine gleiche Elementengruppe einzuordnen.

Unterschiedliche Flächen, bspw Licht und Schatten, helfen dem Gehirn Elemente zu separieren. 

Die Anordnung eines Hauptmotives nach der 2/3-Regel zeigt dem Gehirn einen Startpunkt und einen Endpunkt innerhalb des Bildes auf. Ähnlich dem Lesen eines Buches, fängt das Hirn auf der ruhigen Seite des Bildes an und folgt der Komposition zum Hauptmotiv, welches in dieser Ordnung den Höhepunkt darstellt und das Bild zur Seite hin "beendet" Bei einer Anordnung in der Mitte des Bildes (Ausnahme hier bei einer symmetrischen Gestaltung des Bildes...) ist das Gehirn unschlüssig, ob es bei der Betrachtung des Bildes auf der linken oder der rechten Seite des Motives beginnen soll, das mittige Hauptmotiv des Bildes bildet keinen "Abschluss" der Komposition mehr.

Die Hauptgrundsätze um dem menschlichen Gehirn das sogenannte Chunking zu ermöglichen, ergeben sich jedoch nicht vorrangig aus den fotografischen Regeln sondern aus der Gestaltpsychologie.

 

Dieser Bereich der Psychologie beschäftigt sich mit der Wirkung von Formen und Elementen auf die menschliche Wahrnehmung, die hierfür geltenden Gesetze wurden vom Berliner Psychologiestudenten Max Wertheimer 1923 verfasst.

 

1. Gesetz der guten Fortsetzung

Linien werden immer so gesehen, als folgten sie dem einfachsten Weg. Dabei werden auch unterbrochene oder wechselnde Linien vom Gehirn vervollständigt.

2. Gesetz der Nähe

Elemente mit geringem Abstand werden als zusammengehörig wahrgenommen.

3. Gesetz der Ähnlichkeit

Einander ähnliche Elemente werden eher als zusammengehörig erlebt als einander unähnliche.

4. Figur-Grund-Beziehung

Unterscheidung zwischen Hauptmotiv (Figur) und Hintergrund (Grund). Das Gehirn bemüht sich, Formen aus seinem flächigen und räumlichen Umfeld herauszulösen und zu verstehen.

5. Gesetz des gemeinsamen Schicksals

Zwei oder mehrere Elemente, die sich in eine gleiche Richtung bewegen, werden als eine Einheit oder Gestalt wahrgenommen.

6. Gesetz der gemeinsamen Region

Elemente in abgegrenzten Bereichen werden als zusammengehörig empfunden.